im zweifelsfall

Im Zweifelsfall für den Angeklagten, so heißt es in der Justiz.

Im Gesundheitssystem dagegen: Im Zweifelsfall gegen die Menschlichkeit.

 

Gesundheitssystem ist an und für sich schon ein interessanter Begriff.

Ich sehe leider ein krankes System.

 

Vor zwei Tagen bin ich zum zweiten Mal Oma geworden.

Ein Wunder.

Etwas wunderschönes, das mich mit Freude erfüllt.

 

Es hätte auch etwas Wundervolles für die Kindeseltern sein sollen.

Das erste Kind.

Die gesamte Schwangerschaft entspannt.

Die Vorfreude groß.

Die Vorbereitung gut.

Der Kindesvater möchte selbstverständlich seine Frau bei der Geburt unterstützen.

 

Am frühen Morgen der Blasensprung.

Die gemeinsame Fahrt ins Krankenhaus.

Beide müssen bei der Ankunft einen Antigen-Schnelltest machen.

Beide negativ.

 

Weiterhin aufgeregte Vorfreude.

In ein paar Stunden würden sie ihr Kind in Händen halten.

 

Bei der Gebärenden wird eine Stunde später noch ein PCR-Test gemacht.

Plötzlich ein positives Ergebnis.

Keine Erklärung dafür.

Keinerlei Symptome.

Schon seit Wochen kaum Kontakte.

Sie wollte kein Risiko eingehen.

 

Jetzt kippt die Stimmung.

Der Kindesvater wird weggeschickt.

Fährt zu einer Teststraße, um auch einen PCR-Test zu machen.

Er weiß ohnehin nicht, was er sonst tun könnte, in der Situation.

 

Gleichzeitig wird die Gebärende in ein anderes Krankenhaus transferiert.

 

Er fährt zurück zum neuen Krankenhaus (ja, ja, das „kranke Haus“).

Keine Chance.

Er darf nicht mehr bis zu seiner Frau.

Es ist besiegelt.

Sie muss ihr erstes Kind mit 22 Jahren alleine bekommen.

 

Das Baby kommt gesund zur Welt.

Die Mutter ist gesund.

 

Das ist doch das Wichtigste … sagen die Menschen.

Ja, das ist das Wichtigste.

Absolut richtig.

 

Und trotzdem ist es unverständlich.

Auf der Homepage der Gemeinde Wien finde ich folgendes: Für Begleitpersonen von COVID-positiven Frauen gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen. Sie dürfen nicht unter Quarantäne stehen und müssen mit dem erhöhten Infektionsrisiko im Rahmen der Geburt einverstanden sein. Das Personal informiert Sie über alle Risiken und Regelungen.“ (https://geburtsinfo.wien/corona/)

Es steht da zwar.

Ganz offiziell.

Nutzt aber niemanden etwas.

 

Die Hebamme sagt am Telefon: „Ich hatte noch nie so einen Fall.“

Welchen Fall?

Eine Frau, die ihr Kind bekommt und die ein positives Ergebnis nach einem PCR-Test hat!

 

Viele Fragen tun sich auf:

Warum wird dem Antigentest nicht geglaubt?

Warum wird bei einem positiven und einem negativen Ergebnis nicht nochmal überprüft?

Warum darf der Vater nicht dabei sein?

Sie leben im gemeinsamen Haushalt?

Sie werden wohl gemeinsam in Quarantäne gehen müssen, falls sich das Ergebnis bestätigen würde.

 

Ja, falls.

 

Der Kindesvater erhält am nächsten Tag, also gestern ein negatives Ergebnis von der Teststraße.

Er wartet sehnsüchtig, dass im Krankenhaus die Überprüfung des Tests bei seiner Frau durchgeführt wird und er ins Auto springen kann, um endlich seinen Sohn und seine Frau in die Arme schließen zu können. (Übrigens bis gestern Abend gab es keine Bescheid wegen Quarantäne)

 

Aber hey doch …

Was passiert nun?

Die Krankenschwester erklärt der Kindesmutter: „Die Tests werden üblicherweise nur alle 48 Stunden gemacht. Also werden sie am Samstag getestet. Sie erfahren dann das Ergebnis am Sonntag!“

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Üblicherweise?

Was heißt das?

Und warum war das Ergebnis am ersten Tag bereits nach einer Stunde klar?

Eine Bekannte, die einen Führungsposten in einem anderen Krankenhaus hat, fragt nach, ob die Überprüfung des Testes schon stattgefunden hat.

Ich erzähle …

Sie ist verwundert …

Tja, nutzt leider den Kindeseltern nichts.

 

So, wird sie wohl morgen das Ergebnis erhalten und morgen entlassen werden.

 

Der Kindesvater darf dann nach 3 Tagen das erste Mal seinen Sohn empfangen und seine Frau wieder umarmen.

 

Zum Verzweifeln dieses kranke Gesundheitssystem.

Die Hebamme hat sich beim Kindesvater entschuldigt.

Warum?

Wer macht solche weitreichenden Entscheidungen?

Wem nutzen sie?

 

Jahrzehntelang wurde darauf geachtet, dass Männer ihre Frauen bei der Geburt unterstützen.

Worum geht es da derzeit?

 

Wenn alle in der Coronapanik feststecken, verlieren sie den Blick auf die Verhältnismäßigkeit.

Ist schon lange ersichtlich.

Für mich ist das einer der Tiefpunkte der vergangenen 1,5 Jahre.

 

Im Zweifelsfall gegen die Menschlichkeit!

 

(Ich bin glücklich und voller Freude über das neue Menschenkind UND traurig und zornig darüber, wie gemein das System gerade gegen Menschen vorgeht!

Und möchte mich nicht vertiefen in Überlegungen, ob es was damit zu tun haben könnte, dass beide Kindeseltern zwar österreichische Staatsbürger sind, jedoch in einem anderen Land geboren sind!

Die Kindesmutter lebt seit ihrem 6. Lebensjahr in Österreich, hat ihre gesamte Schulzeit hier verbracht, eine Bürolehre absolviert und arbeitete bis zur Karenz in einem Büro.

Der Kindesvater hat die HTL für Elektrotechnik absolviert und arbeitete die letzten Jahre als Elektrotechniker auf Baustellen. Seit Ende 2020 ist er als Elektrotechniker in einem Büro angestellt und hat vor Kurzem eine Fortbildung mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Ich bin so stolz auf meinen Pflegesohn!)

 

(12.6.2021)